Buchcover Resonanz

Über das Buch

Elisa Winter hat sich in Hamburg ein kontrolliertes Leben aufgebaut. Doch jede Nacht um drei Uhr wird sie von einem Brummen geweckt, das tief unter die Haut geht. Niemand hört es. Niemand glaubt ihr.

Als Gabriel auftaucht und Details aus Elisas verdrängter Kindheit kennt, führt jede Spur zurück nach Kassel: zu einer Kapelle, und zu einer Nacht, die aus ihrem Gedächtnis gelöscht scheint.

Je tiefer sie gräbt, desto unsicherer wird, ob sie Erinnerungen zurückholt oder ob etwas in ihr aktiviert wird. Erinnert sie sich – oder wird sie erinnert?

Autor Guido Schenk
Genre Psychothriller

Leseprobe

Der Gang war eng.

Elisa spürte etwas. Nicht in diesem Gang, sie hatte keinen Bezug zu ihm. Es muss in der Luft gewesen sein. Sie schien dichter und schwerer als sonst und jeder weitere Schritt verstärkte das Gefühl in ihrer Kehle. Der Geschmack von altem, nassen Staub lag ihr auf der Zunge und sie spürte, wie ihre Lungen härter arbeiten mussten, als ihr Körper es verlangte. Irgendetwas in ihr glaubte, dass der nächste Atemzug ihr letzter sein könnte.

Die Wände waren rissig, wie alte Haut, die viel zu lange der Kälte ausgesetzt worden war. Farbreste blätterten in feinen Schuppen herab und wo sie fehlten, zeigte sich der nackte Beton, der fast wie Adern aussah. Dunkelgraue Linien durchbrachen die weiße Wand und ließen den Anschein eines eigenen Kreislaufsystems. An der Decke über ihr flackerten die Neonlichter in einem Rhythmus, der keiner war. Erst hell, dann dunkel, zweimal schnell, wieder dunkel und schließlich wieder hell. Das grelle Licht spiegelte sich auf ihrer feuchten Stirn und jedes Mal, wenn es dunkel wurde, zog sich alles in ihr kurz zusammen.

Elisa lief.

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Sie rannte nicht, sie lief. Die Unterscheidung war wichtig, weil Rennen Panik bedeutete und Panik bedeutete, dass sie die Kontrolle verloren hatte. Kontrolle war das Einzige, was zwischen ihr und dem lag, was dahinter sein könnte. Also lief sie: schnelle, angemessene Schritte, die Arme dicht am Körper, den Blick stets nach vorne gerichtet, und ihre nackten Füße klatschten auf den feuchten Beton mit einem Geräusch, das von den Wänden zurückgeworfen wurde.

Wann hatte sie die Schuhe verloren?

Das Echo kam nicht nur einmal zurück, sondern mehrfach. Immer wieder abprallend, überlagernd und verschoben, bis es klang, als liefen mehrere Menschen nur knapp hinter ihr, außer Sichtweite. Unter dem Echo und dem Rhythmus ihrer eigenen Schritte lag noch etwas anderes. Kein Geräusch. Nicht ganz. Mehr ein Druck, ein Gefühl oder eine Vorahnung, die Elisa in den Schläfen spürte, irgendwo dort, wo der Körper Dinge registriert, für die der Verstand keine Kategorie hat. Es kam aus den Wänden. Aus dem Boden. Es war in der Luft, die sie atmete. Es ging nicht weg, egal, wie weit sie lief. Es wurde nicht lauter, egal wie still sie wurde. Es war einfach da, wie ein Grundrauschen, das ein Raum von sich gibt, wenn man nur lange still genug ist, um ihn zu hören.

Elisa nahm ihn wahr.

Die Geräusche hinter ihr verwandelten sich vom Echo ihrer eigenen Schritte in ein Kratzen, oder Schleifen, als würde etwas Schweres über den Boden gezogen. Ein Murmeln, das keine Sprache war, aber dennoch eine Absicht zu haben schien. Die Geräusche waren weit weg, und der Gang war lang, ohne Abzweigung, ohne Versteck. An so einem Ort konnte etwas Weites schnell Nah werden.

Die Tür. Sie war da. Am Ende des Korridors tauchte sie auf. Dort, wo das Neonlicht sein Flackern einstellte und beinahe in ein höfliches Leuchten überging, war sie da: hellgrün und vielversprechend an diesem unwirklichen Ort und doch so fehl am Platz, wie ein Sommerblumenstrauß auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants. Der Griff war silbern, glatt und brach das Licht auf eine Weise, die Elisa an Wasserreflexionen erinnerte. Eine beruhigende Oberfläche, die nicht ganz still ist.

Sie verlangsamte ihre Schritte. Vier Meter. Drei. Fast automatisch streckte sich ihre Hand aus und Elisa bemerkte ihre eigenen filigranen Finger. Blass, mit schimmernden Nägeln und zarten Linien der Sehnen unter der Haut. Eine Hand, die nicht hierher gehörte. Eine Hand, die für Klaviertasten gemacht wurde, für Touchscreens oder das Halten von Kaffeetassen um vier Uhr morgens, und nicht für den Griff einer Tür in einem Korridor aus Beton, der nicht existieren sollte.

Der Griff war kühl. Nein, Kalt. Kälter als die Luft oder der Boden. Elisa drehte ihn und die Tür schwang auf, lautlos, fast in Zeitlupe, und dahinter war – nichts.

Es war keine Dunkelheit. Dunkelheit wäre etwas gewesen. Hier war nichts, nur die Abwesenheit von allem. Eine Schwärze, die nicht nur das Licht schluckte, sondern sogar die Idee davon. Elisa trat hindurch ins Nichts, weil Stehenbleiben keine Option war. Nicht, wenn hinter ihr etwas geschleift wird. Die Tür fiel mit einem Geräusch der Endgültigkeit ins Schloss. Wie das letzte Wort eines Streits, den man nicht gewinnen kann.

Stille. Nicht die Art von Stille, die man sich wünscht, wenn der Nachbar um Mitternacht laut Techno spielt. Es war eine volle Stille. Angefüllt mit etwas, das sich weigerte, einen Laut zu geben, und das war das Problem. Nur ihren eigenen Herzschlag hörte sie, er war das Einzige, das bewies, dass Zeit verging.

Dann kam das Licht.

Erst ein Punkt, weit weg, wie ein einzelner Stern in einer Nacht, die vergessen hat, dass es einen Himmel gibt. Er wuchs. Wurde breiter, flacher. Farben lösten sich aus dem Nichts, ein schmutziges Grau, ein Schimmer von Weiß, und bevor Elisa verstand, was sie sah, war das Bild schon da: ein Gesicht. Ihr Gesicht. Dunkles Haar in nassen Strähnen über schmalen Schultern, blassblaue Augen, viel zu wach für jemanden, der träumte, und sie starrten sie an aus einer schwarzen Fläche, die weder Spiegel noch Fenster war.

Es war ein Bildschirm.


Elisa öffnete die Augen.

Das Erste, was sie erblickte, war die rote Leuchtanzeige des Radioweckers auf der Kommode. Glühend rote Ziffern in der Dunkelheit zeigten die Zeit. 3:00. Nicht 2:59, nicht 3:01. Die Nullen standen neben der Drei wie zwei Löcher, durch die etwas hindurchsehen konnte. Elisa wusste nicht, warum sie so dachte. Sie dachte es trotzdem.

Sie lag auf dem Rücken, die Decke bis zum Kinn gezogen. Ihr Körper war so still, als hätte er sich im Schlaf nicht ein einziges Mal bewegt, was entweder bedeutete, dass sie sehr ruhig geschlafen hatte oder dass irgendetwas sie an Ort und Stelle gehalten hatte. Der Traum war noch da. Er hing über ihr wie ein dunkles, schweres Tuch. Sie konnte die Enge des Ganges und die Kälte des Türgriffs immer noch spüren. Und diese Stille hinter der Tür, die keine Stille war, trieb ihr kalten Schweiß auf die Stirn.

Elisa setzte sich auf.

Die Dunkelheit des Schlafzimmers ordnete sich in vertraute Formen. Die Kommode. Der helle Fleck des Fensters hinter den Vorhängen, wo das Licht der Straßenlaternen durchfiel. Alles war an seinem Platz, alles da, wo es hingehörte, und trotzdem hatte der Raum eine Dichte, die nicht hierher passte. Wie das Innere einer Muschel. Man hält sie ans Ohr und hört etwas, das nicht da ist, und das Gehirn kann sich nicht entscheiden, ob es das beruhigend findet oder nicht.

Sie stand auf.

Barfuß ging sie durch den Flur ins Wohnzimmer, ohne das Licht einzuschalten, weil sie die Schatten dieser Wohnung kannte. Die Silhouette der Garderobe, der schmale Lichtstreifen unter der Wohnungstür. Vertraute Formen und Muster, die ihr normalerweise Sicherheit gaben. Heute Nacht nicht. Heute Nacht waren sie anders.

Im Wohnzimmer fiel ihr Blick auf den Fernseher. Der große, matte Bildschirm reflektierte das Straßenlicht in einer verzerrten Fläche, in der Elisa sich selbst sah. Nicht mehr als eine dunkle Gestalt, mehr Schemen als Gesicht. Sie hob die Hand, strich sich eine Strähne hinter das Ohr, und die Bewegung in der Reflexion folgte. Aber für einen Bruchteil einer Sekunde, oder weniger als das, war sie sich nicht sicher, ob sie gleichzeitig kam.

Sie wandte sich ab.

Der Lichtschalter machte ein leises Klicken, und die Deckenlampe mit ihrem matten Pastellschirm tauchte den Raum in ein gemütliches Licht. Die Schatten verschwanden. Die cremefarbenen Wände waren wieder Wände. Auf dem niedrigen Couchtisch aus hellem Holz stand eine halbvolle Tasse Tee, die vom Abend erzählte, und über der Sofalehne lag die graue Strickdecke, zusammengeschoben, nicht gefaltet, ein Zeugnis davon, dass sie den gestrigen Abend liegend auf dem Sofa verbracht hatte. In der Ecke neben dem Fernseher stand das Klavier. Ein kleines schwarzes Yamaha-Upright, das sie beim Umzug aus Kassel mitgenommen hatte und seitdem nicht mehr gespielt hatte. Der Deckel trug eine dünne Staubschicht, die sie regelmäßig wegwischte.

Es war das einzige Ding in dieser Wohnung, das Elisa pflegte und gleichzeitig ignorierte.

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