Warum ich als Mann aus der Sicht einer Frau schreibe

Die Frage kommt. Sie kommt eigentlich immer. Irgendwann im Gespräch, meistens beiläufig, manchmal mit einem Unterton, der irgendwo zwischen Neugier und Anklage liegt: Warum schreibst du aus der Sicht einer Frau?

Die ehrliche Antwort ist nicht besonders spektakulär. Es war von Anfang an klar. Nicht, weil ich eine Agenda hatte oder einen Punkt beweisen wollte, sondern weil die Geschichte es verlangte und ich nicht der Typ bin, der sich dagegen wehrt. Elisa Winter, Anfang dreißig, Grafikdesignerin, Schlafstörungen. Das war sie, bevor ich wusste, warum.

Wahrscheinlich hat es mit Erfahrung zu tun. In meinem Leben waren die Frauen immer diejenigen, die offener mit Gefühlen umgegangen sind als die Männer. Das ist keine Pauschalisierung, und ich habe kein Interesse daran, eine daraus zu machen. Es ist das, was ich gesehen habe. Meine persönliche Stichprobe, wenn man so will. Und mich hat schon immer gereizt, mich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Was wäre, wenn ich eine Frau wäre? Nicht als Gedankenexperiment für einen Abend, sondern über viele Kapitel hinweg, mit allem, was dazugehört. Das klang spannend. Also habe ich es gemacht.

Ich habe dabei eine Menge gelernt. Mehr als erwartet, wahrscheinlich.

Zum Beispiel, dass es für Frauen in vielen Bereichen immer noch schwer ist. Nicht schwer wie ein Umzug oder eine Steuererklärung. Schwer wie etwas, das nie aufhört. Im Büro oder im Alltag ernst genommen zu werden ist nichts, was einfach passiert, es ist etwas, wofür man kämpft, jeden Tag, und das Ergebnis ist nicht garantiert. Man könnte meinen, das weiß man. Man weiß es nicht. Nicht wirklich. Nicht, bis man versucht, es zu schreiben.

Ich musste mich mit Dingen beschäftigen, über die ich vorher nicht nachgedacht hatte. Tagesrituale. Wie eine Frau morgens durch ihre Wohnung geht, was sie im Spiegel sieht, was sie dabei denkt und was sie dabei eben nicht denkt. Die weibliche Psyche ist kein Rätsel und kein Mysterium, sie ist eine Perspektive, die nicht meine ist, und genau da wird es interessant. Und anstrengend. Beides gleichzeitig.

Die Zweifel sind da. Sie waren da, als ich die erste Szene geschrieben habe, und sie sind jetzt immer noch da, irgendwo zwischen der letzten Korrektur und dem nächsten Kapitel. Ich nehme mir etwas heraus. Ich spiele etwas durch, was ich nicht bin. Die Möglichkeit, dass ich es falsch darstelle, ist real. Dass jemand liest und denkt: So fühlt sich das nicht an. Dieses Risiko gehört dazu. Wer es nicht eingehen will, schreibt wahrscheinlich nur über sich selbst, und das wird irgendwann eng.

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