Kurzes Lebenszeichen aus dem Manuskript

Seit einer Weile schreibe ich an einem Roman, und die letzten Tage und Wochen ging es endlich wieder voran. Manche Kapitel benehmen sich, andere muss ich nochmal überarbeiten. Ich bin an dem Punkt, an dem ich weiß, wohin die Geschichte soll, und muss nur noch klären, ob sie einen Leser mitnimmt. Der ursprüngliche Plan das Buch noch 2026 zu veröffentlichen steht zwar noch, ist wohl aber ein bisschen nach hinten geraten. Vielleicht im Herbst diesen Jahres. Würde denke ich von der Stimmung her sogar besser passen.

Damit dieser Beitrag nicht nur Vertröstung ist, hängt unten eine weitere kleine Leseprobe dran. Alles noch vorläufig und kann sich natürlich noch ändern. Viel Spaß beim Lesen und hoffentlich bald mehr von mir und meinem Buch!

Leseprobe (Änderungen vorbehalten)

Zuerst nur ein Zittern im Boden. Kein Geräusch, ein Gefühl, das in den Füßen begann und sich hocharbeitete durch die Beine und den Rücken. Von draußen kannte Elisa das. Aber hier drinnen, in diesem Backsteinbau, der selbst Teil der Infrastruktur zu sein schien, war es anders. Der Boden verstärkte die Vibration, so wie manche Meetingräume die Stimme des Lautesten verstärkten und alle anderen verschwinden ließen.

Dann der Ton. Tiefes Mahlen von Metall auf Metall, das sich von links näherte und anschwoll. Die Fensterscheiben zitterten in ihren Rahmen. Löffel klirrten auf Untertassen.

Elisa sah auf ihr Wasserglas.

Die Oberfläche war nicht mehr ruhig. Konzentrische Ringe breiteten sich aus, pulsierten mit dem Tisch. Normale Physik. Ursache und Wirkung. Das konnte sie erklären, und Erklären beruhigte sie, weil es bedeutete, dass die Welt sich an Regeln hielt.

Der Zug donnerte am Fenster vorbei. Schatten peitschten über die Tischplatte, Dunkelheit und Licht im harten Wechsel. Der Lärm drückte gegen Elisas Brustkorb und löschte jedes Gespräch.

Und dann veränderten sich die Ringe.

Sie hörten auf, sich auszubreiten. Sie wurden stehend.

Ein Muster bildete sich auf der Oberfläche: sechseckig, filigran. Keine chaotischen Wellen, sondern eine Struktur. Die Ränder berührten die Glaswand und blieben dort, und das Wasser war keine Flüssigkeit mehr, sondern eine Membran, in eine Form gezwungen, die älter war als das Gefäß, das sie enthielt.

Elisa hielt den Atem an.

Das Muster war zu präzise. Zu stabil. Der Tisch vibrierte, das Gebäude vibrierte, und trotzdem hielt diese Form, nicht als Produkt der Erschütterung, sondern als deren Antwort. Etwas hatte reagiert, und nicht passiv, nicht mechanisch, sondern mit etwas, das Elisa nicht als Absicht bezeichnen wollte, weil Absicht ein Wort für Wesen war, nicht für Wasser in einem Glas, und weil sie die Konsequenz scheute, die folgte, wenn man anfing, solche Wörter an solche Stellen zu setzen.

In ihrem Brustkorb, genau in diesem Moment, schaltete das Brummen um.

Es war wach. Was es von sich gab, war kein Summen mehr, kein diffuses Unbehagen. Ein einzelner, klarer Ton, der mit der Vibration des Glases übereinstimmte. Im Brustbein, dort, wo in der Kapellennacht die Quinte gesessen hatte. Der Ton drückte von innen gegen ihre Rippen, gleichmäßig, wie eine Frequenz, die ihren Körper gefunden hatte und nicht mehr wegging.

Sie sah hoch.

Gabriel beobachtete sie. Nicht das Glas. Nicht das Muster. Ihr Gesicht. Er sah sie an mit dem Ausdruck eines Menschen, der weiß, was er sieht, und sich wünscht, er würde es nicht.

Der Zug raste weiter. Der Lärm ebbte ab, wurde Rauschen, wurde Stille. Die Stille danach war zu groß, ein Raum, aus dem jemand die Möbel geräumt hat: man weiß, dass er noch derselbe ist, aber er stimmt nicht mehr.

Das Wasser beruhigte sich. Das Muster löste sich auf: erst die Ränder, dann die inneren Linien, zuletzt die Mitte. Übrig blieb eine glatte Oberfläche, die nichts verriet.

Gabriel nahm seine Hand vom Tisch. Elisa hatte nicht bemerkt, dass sie dort gelegen hatte.

„Es antwortet“, sagte er leise.

Am Nebentisch klapperte eine Tasse. Die Espressomaschine zischte. Die Welt war noch da, und sie machte einfach weiter, und das war eigentlich die beunruhigendste Leistung, die Elisa je gesehen hatte.

„Was antwortet?“, fragte Elisa. Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte: Grubers Training, Jahre in einer Agentur, in der Kontrolle nicht optional war, sondern Grundvoraussetzung, so wie Sauerstoff oder WLAN.

„Das“, Gabriel deutete auf das Glas, „war keine gewöhnliche Vibration.“

„Es war exakt eine gewöhnliche Vibration. Zug, Boden, Tisch, Glas. Stehende Wellen. Das passiert in jedem Café an einer Bahnstrecke.“

„Das passiert überall“, sagte Gabriel. „Aber dieses Muster – hast du so eines schon mal in einem Café gesehen?“

Elisa schwieg. Sie wollte ja sagen. Sie wollte es als physikalische Kuriosität ablegen, etwas, das man googeln und in zehn Minuten erklären konnte, und dann wäre es ein Phänomen und kein Problem. Aber nein. Nicht diese Präzision. Nicht diese Stabilität.

„Es gibt Erklärungen dafür“, sagte sie.

„Natürlich gibt es die. Die Frage ist, ob sie das erklären, was du dabei gefühlt hast.“

„Ich habe nichts gefühlt.“

„Doch.“ Seine Stimme wurde leiser. „Du hast es gehört. In dir. Nicht mit den Ohren. Du hast gespürt, wie etwas in dir auf denselben Ton gegangen ist wie das Wasser. Zwei Dinge, die auf dieselbe Frequenz reagieren, ohne sich zu berühren.“

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